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Ina Frosch

Engel im Alltag

Engel mit Büchern

Manche von Euch kennen meine Engel im Alltag: Kleine Geschichten über spontane Nächstenliebe, die auf einer wahren Begebenheit beruhen. Vor vielen Jahren habe ich schon mal eine Sammlung dieser Geschichten im Selbstverlag veröffentlicht. Inzwischen sind viele Geschichten dazu gekommen und irgendwann möchte ich unbedingt ein neues Buch herausbringen.
Doch im Moment höre ich fast jeden Tag von Engeln, die trotz der schwierigen Zeit einen Weg zur Nächstenliebe finden.
So entstehen in diesen Wochen mehr Geschichten als sonst in Jahren. Die so entstandenen Geschichten möchte ich hier mit Euch teilen, denn ich denke, wir alle können gerade Zeichen von Solidarität gebrauchen.
Und wie immer gilt: Jede/r von uns kann ein Engel im Alltag sein!

Viel Spaß beim Schmökern


Eure Ina Frosch

Bonbons für den Herrn

Bonbons für den Herrn
Ich sitze in der Straßenbahn und sehe aus dem Fenster. Draußen regnet es in Strömen, da bin ich froh, im Trockenen zu sitzen.
Während ich dem Regen zuschaue, wie er an die Fensterscheibe klatscht und von dort abprallt, denke ich über das nach, was ich heute morgen im Radio gehört habe. Es ging um einen neuen Virus, der vor kurzem in China ausgebrochen ist. Offenbar wurde dieser Virus nun auch in Deutschland bei einigen Menschen entdeckt. Komisch. Irgendwie hat man vorher gedacht: "Was geht uns das an?" Ganz nach dem Motto "Wenn in China ein Sack Reis umfällt!"
Aber offenbar geht es uns doch etwas an. Zu hören, dass es in Deutschland auch Fälle des Virus gibt, berührt mich wesentlich stärker.
Plötzlich habe ich ein Kratzen im Hals. Um es weg zu bekommen, huste ich einmal kräftig. Ich habe das manchmal, bin eben nicht mehr der Jüngste. Normalerweise ist es mit ein paar kräftigen Husten getan, aber heute lässt sich das Katzen irgendwie nicht vertreiben.
Während ich noch huste, wende ich meinen Kopf zufällig den Fahrgastraum zu. Mir ist es immer unangenehm, öffentlich zu husten, weil dann jeder glaubt, ich bin ein alter Mann. Aber heute fallen die Reaktionen weit stärker aus als sonst. Mehrere Leute starren mich an und ein junger Kerl, der mir gegenüber sitzt, wechselt doch tatsächlich den Platz. Haben diese Leute Angst, ich könnte sie mit irgendetwas anstecken, oder was? Das liegt sicher an den ganzen Berichten über China.
Dabei bin ich ziemlich sicher, dass ich diesen Virus nicht habe. Ich kenne überhaupt keine Chinesen und habe auch sonst sehr wenig Kontakt zu anderen Menschen.
Aber die Abneigung steht in den Gesichtern der anderen Passagiere geschrieben und natürlich rege ich mich prompt auf. Leider wird dadurch auch mein Husten stärker. Ich drehe mein Gesicht wieder zum Fenster und hoffe, dass der Anblick des Regens mich wieder beruhigen wird.
Aus den Augenwinkeln kann ich gerade so ein junges Mädchen bemerken, dass auf mich zukommt. Sie legt etwas auf den Sitz und liefert, ehe ich nachschauen kann, auch gleich die Erklärung dazu: "ich habe hier ein paar Hustenbonbons. Vielleicht können die Ihnen helfen. Ich lege sie einfach mal hierher", sagt sie und geht ein paar Schritte in den Gang. Ich drehe er verblüfft den Kopf zu und erhasche gerade noch ein freundliches Lächeln, bevor das Mädchen an der nächsten Bahnstation die Bahn verlässt. Immer noch überrascht von so viel Freundlichkeit zwischen der eher feindseligen Stimmung der anderen Passagiere klaube ich die Bonbons auf. Ich stecke eines in meinen Mund und stelle fest, es ist sogar lecker.
Und es hilft! Der Husten hat aufgehört und das Kratzen im Hals ist weg. Aber vielleicht ist es auch die herzliche Wärme, die mir geholfen hat.
Plötzlich reißt mich ein Rumpeln aus meiner morgendlichen Lethargie. Die Müllabfuhr! Sofort wird mir klar, dass ich vergessen habe, die Tonne herauszustellen. Ich sprinte zur Tür und laufe auf die Straße. Der Müllwagen ist natürlich schon durch unseren Wendehammer und fährt langsam die Straße runter. Also schnappe ich mir unsere Tonne und laufe hinterher. Kaum bin ich ein paar Meter gelaufen, begegne ich meinem Nachbarn. Er zieht seine Tonne hinter sich her und läuft ebenfalls auf das Müllauto zu. Wir müssen beide lachen.

Müllabfuhr in Zeiten von Corona

Müllabfuhr
Müde sitze ich vor meinem morgendlichen Kaffee. In Zeiten von Corona ist meine Arbeit sehr viel anstrengender als sonst. Homeoffice - das klingt erstmal ganz nett. Nach Arbeiten in Jogginghause und gemütlicher Pause, wenn ich es brauche. Aber dahinter verbergen sich auch durchschnittlich 15 Telefonkonferenzen am Tag, Arbeit mit einem Blick auf die Mails, damit man keine wichtigen Infos verpasst und neuerdings 14 Stunden Arbeitszeit, wofür ich früher höchstens mal 10 gebraucht habe.
Plötzlich reißt mich ein Rumpeln aus meiner morgendlichen Lethargie. Die Müllabfuhr! Sofort wird mir klar, dass ich vergessen habe, die Tonne herauszustellen. Ich sprinte zur Tür und laufe auf die Straße. Der Müllwagen ist natürlich schon durch unseren Wendehammer und fährt langsam die Straße runter. Also schnappe ich mir unsere Tonne und laufe hinterher. Kaum bin ich ein paar Meter gelaufen, begegne ich meinem Nachbarn. Er zieht seine Tonne hinter sich her und läuft ebenfalls auf das Müllauto zu. Wir müssen beide lachen.
Zurück gehen wir - natürlich in gebührendem Abstand - nebeneinander her.
"Also das passiert mir sonst nicht", sagt mein Nachbar. "Und jetzt gleich zweimal hintereinander. Jetzt musst du die Tonne wirklich raus."
Mir geht's genauso. Normalerweise werde ich morgens, wenn ich zur Arbeit gehe, ganz automatisch durch die Tonnen meiner Nachbarn an das Herausstellen erinnert. Aber im Moment fällt es mir sogar manchmal schwer, mich zu erinnern, welcher Wochentag gerade ist.
Doch während ich mich von meinem Nachbarn verabschiede, denke ich, dass es auch ganz schön war. Der kurze Sprint durch die Morgenluft hat mir gut getan und meinen Nachbarn mal zu sehen, sozusagen face-to-face, war auch schön. Jetzt kann ich erfrischt an die Arbeit gehen!

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